Aufschieben oder Aufschieberitis?
- Ronny Mosebach
- 27. Sept. 2025
- 4 Min. Lesezeit
Was wirklich dahinter steckt und wie du ins Handeln kommst
Du sitzt auf der Couch, das Handy in der Hand. Instagram, TikTok und YouTube verschlingen deine Zeit. Die Playstation läuft heiß, dein Gaming-PC glüht. Fortnite, Battlefield oder League of Legends rufen nach dir. Und als wäre das nicht genug, startet heute auch noch die neue Staffel von Stranger Things auf Netflix.
Eigentlich wolltest du längst anfangen: die Präsentation vorbereiten, deine Bachelorarbeit schreiben oder endlich die Steuerunterlagen sortieren. Stattdessen stapelt sich das Geschirr in der Spüle, dein Rücken schmerzt vom vielen Sitzen und das T-Shirt sitzt auch nicht mehr so locker wie früher.

Und das wirklich Ärgerliche: So richtig entspannen kannst du trotzdem nicht. Die offenen Aufgaben hängen dir im Kopf fest, rauben dir die Ruhe und trotzdem fängst du nicht an.
So oder so ähnlich ließen sich die Beispiele endlos weiterspinnen. Mit großer Wahrscheinlichkeit erkennst du dich in einer dieser Situationen wieder oder findest deine eigene darin. Willkommen in der Welt der Prokrastination oder wie sie im Alltag oft genannt wird: Aufschieberitis.
Was bedeutet Prokrastination eigentlich?
Der Begriff stammt aus dem Lateinischen: pro = „für“ und crastinum = „morgen“. Wörtlich also: „auf morgen verschieben“. Auch der Ausdruck procrastinatio lässt sich finden. Er steht für Aufschub oder Vertagung.
Umgangssprachlich hat sich dafür der Begriff Aufschieberitis eingebürgert, weil er plastischer klingt. Beide Begriffe beschreiben dasselbe Muster: Du schiebst Dinge auf, obwohl du weißt, dass dich das langfristig belastet.
Aus wissenschaftlicher Sicht beschreibt Prokrastination ein wiederkehrendes, chronisches Aufschiebeverhalten, das so stark ausgeprägt sein kann, dass es zu einer ernst zu nehmenden Arbeitsstörung wird.
Entscheidend ist die Unterscheidung:
Geht es um alltägliches Aufschieben, das jeder kennt, vor allem bei unangenehmen Aufgaben?
Geht es um eine falsche zeitliche Priorisierung, bei der Wichtiges immer wieder nach hinten rutscht?
Oder hat sich bereits ein pathologisches Muster entwickelt, das dein Wohlbefinden, deine Emotionen und deine Gedankenwelt dauerhaft beeinträchtigt verbunden mit echtem Leidensdruck?
Denn: Langanhaltendes Aufschieben kann zu psychischen Belastungen führen etwa zu Stress, Schuldgefühlen, innerer Unruhe oder sogar depressiven Symptomen. Unter bestimmten Umständen können sich daraus auch klinisch relevante Krankheitsbilder entwickeln. In solchen Fällen ist eine fachärztliche Untersuchung und therapeutische Begleitung dringend empfohlen. Studien zeigen, dass zwischen 7 % und 14 % der Allgemeinbevölkerung in klinisch relevantem Ausmaß von Prokrastination betroffen sind. Gleichzeitig erleben die meisten Menschen zumindest phasenweise das Gefühl des Aufschiebens.
Typische Ursachen von Aufschieberitis
Aufschieberitis hat viele Gesichter. Häufig stecken dahinter:
Perfektionismus – die Angst, nicht gut genug zu sein, und der Drang, erst zu starten, wenn alles perfekt vorbereitet ist.
Überforderung – wenn eine Aufgabe so groß wirkt, dass der erste Schritt schwerfällt.
Ängste – z. B. die Sorge vor Kritik oder vor dem Scheitern.
Fehlende Struktur – ohne klare Prioritäten und kleine Etappen verlierst du leicht den Überblick.
Unangenehme Aufgaben – Dinge, die einfach keinen Spaß machen.
Konzentrationsprobleme – wenn es dir schwerfällt, den Fokus zu halten.
Ablenkungen wie Gaming, Social Media, Fußball, Freunde oder andere Tätigkeiten, die angenehm sind, aber viel Zeit fressen.
Alltagssituationen, die du bestimmt kennst und vielleicht erkennst du dich in Sätzen wie diesen wieder:
„Ich fang morgen an…“
„Jetzt lohnt es sich auch nicht mehr.“
„Heute fehlt mir die richtige Stimmung, morgen geht’s besser.“
„Bevor ich das beginne, muss ich erst noch X erledigen.“
Genau hier zeigt sich Prokrastination: kurzfristig verschafft sie Entlastung, langfristig steigt jedoch der Druck.

Meine Haltung dazu
Prokrastination ist mehr als nur „Faulheit“. Sie ist ein ernstzunehmendes Thema der Selbststeuerung. Wenn du merkst, dass sie dich immer wieder blockiert, kannst du in Ratgeberbüchern viele Tipps finden. Doch meine Erfahrung zeigt: Manches liest sich gut, aber der Transfer in den Alltag gelingt oft nur schwer.
Mir ist wichtig:
Es geht nicht um „Müssen“ oder zusätzlichen Druck von außen.
Es geht darum, dass du selbst entscheidest, ob und wie du daran arbeiten möchtest.
Es geht nicht darum, Prokrastination vorschnell zu pathologisieren.
Ich sehe Prokrastination auch als Chance: zur Selbstreflexion, zur persönlichen Weiterentwicklung und zu mehr Eigenmotivation.
Genau hier setzt Coaching an: Wir definieren gemeinsam deine Werte und Ziele und entwickeln daraus deine ganz individuelle Strategie.
Du wirst bei mir keine Patentrezepte oder schnellen „5-Schritte-Pläne“ finden. Denn Prokrastination ist so individuell wie dein Leben selbst und hängt eng mit deiner Situation, deinen Überzeugungen und deinen Mustern zusammen.
Eine kleine Übung für dich um deine Aufschieben oder deine Aufschieberitis anzugehen
Nimm dir eine Aufgabe, die du gerade vor dir herschiebst. Beantworte dir in einem Satz: Was ist der nächste kleine Schritt, den ich machen kann, um meine Aufgabe anzugehen?
Starte bewusst mit genau diesem Schritt und beobachte, was das mit dir macht. Vielleicht magst du sogar jemandem davon erzählen.
Und jetzt?
Wenn du merkst, dass Aufschieben oder Aufschieberitis für dich mehr ist als nur eine kleine Gewohnheit, sondern dich im Alltag, im Beruf oder in deiner persönlichen Entwicklung blockiert, dann lass uns darüber sprechen.
In einem unverbindlichen Kennenlerngespräch in Schifferstadt, telefonisch oder online schauen wir gemeinsam, wie du Klarheit gewinnst und ins Handeln kommst.

