Was ist der nächste kleine Schritt, den du tun wirst?
Diese Frage oder zumindest eine ganz ähnliche stelle ich meinen Klienten immer wieder gerne am Ende eines Coachings zum Thema Prokrastination, also Aufschieben. Sie trifft aus meiner Sicht genau den Punkt, an dem aus einem Vorhaben eine Entscheidung wird: Was werde ich als Nächstes tun?
Raus aus dem Stillstand. Rein in die Tatkraft.
Viele Menschen wünschen sich, im Alltag voranzukommen, eine Aufgabe endlich zu beginnen oder etwas zu Ende zu bringen. Würden wir darüber miteinander ins Gespräch kommen, ließe sich daraus wahrscheinlich ziemlich schnell ein Ziel formulieren. Oft gelingt es uns sogar, dieses Ziel selbst sehr klar zu formulieren, ganz ohne mit jemandem darüber zu sprechen.
Doch zwischen diesem Ziel und uns liegt noch ein Weg. Und wie oft erscheint uns dieser Weg plötzlich unendlich weit? Vielleicht liegt das Ziel gefühlt sogar außerhalb unserer Sichtweite und wirkt damit auf einmal kaum noch erreichbar.
Ist es das Abnehmen? Die pünktliche Abgabe der Bachelorarbeit an der Universität? Das Aufsetzen eines neuen Motivationsschreibens, weil du dich beruflich unbedingt verändern möchtest? Findest du dich darin wieder?
Das Gefühl, das dabei entsteht, kann uns überwältigen. Es kann uns bremsen und manchmal sogar vollständig stoppen. Und genau in diesem Moment bleibt der erste kleine Schritt aus. Das Ziel bleibt bestehen, aber wir verlieren es langsam wieder aus den Augen.
Mein erster kleiner Schritt
Ich selbst würde mich als begeisterungsfähigen Menschen beschreiben. Ich möchte vieles erleben, ausprobieren, neue Fähigkeiten entwickeln und mit anderen teilen.
Ich liebe es, mit Menschen zu arbeiten, Trainings zu moderieren oder Vorträge zu halten. Auch Musik möchte ich mit anderen teilen, obwohl es mich herausfordert, vor anderen Menschen zu musizieren. In meiner Jugend war es die Gitarre am Lagerfeuer oder in der Schülerband. Vor einigen Jahren spielte ich mit meinem Saxophon auf einer Geburtstagsfeier.
Doch ein Instrument hat mich schon immer besonders fasziniert: die Violine.

Für mich gibt es kaum ein anderes Instrument, mit dem sich so viele Emotionen ausdrücken und Menschen berühren lassen.
Und dann kommt wahrscheinlich auch noch ein wenig mein Ego dazu: Ich kann mir kaum ein schwierigeres Instrument vorstellen, das es zu lernen gilt. Das mag den einen oder anderen Musiker jetzt verstimmen. Deshalb sei ausdrücklich gesagt: Das ist meine ganz persönliche Einschätzung.
Nach knapp 40 Lebensjahren entschied ich mich also dazu, ein Instrument zu erlernen, das viele Kinder bereits mit vier Jahren zum ersten Mal in die Hand bekommen.
Ich wusste ziemlich genau, was ich wollte. Und ich weiß es auch heute noch. Denn so viel kann ich verraten: An meinem Endziel bin ich noch lange nicht angekommen.
Ich befinde mich noch immer auf dem Weg. Einen Schritt nach dem anderen.
Wenn ich heute auf meinen Anfang vor ungefähr drei Jahren zurückblicke, wird mir klar: Damals kannte ich diesen Weg noch nicht. Ich wusste nicht, welche Schwierigkeiten auf mich warten würden, was ich alles lernen müsste oder welche Unterstützung ich irgendwann brauchen würde.
Also begann ich mit dem Naheliegendsten. Mit meinem ersten kleinen Schritt.
Ich ersteigerte online eine Schülergeige.
Als sie geliefert wurde und ich meine ersten Versuche wagen wollte, stellte ich fest: So eine Geige muss erst einmal gestimmt werden. Wie macht man das eigentlich?
Also recherchierte ich auf YouTube. Ich lud mir ein Stimmgerät auf mein Smartphone und probierte herum. Bis ich irgendwann feststellen musste, dass nicht meine fehlende Erfahrung das größte Problem war, sondern die Geige selbst. Sie war schlicht nicht richtig funktionstüchtig.
Also brauchte ich einen Geigenbauer. Und auch den musste ich erst einmal finden.
So vergingen einige Wochen und viele kleine Schritte, bis ich tatsächlich meine allererste Tonleiter auf der Geige spielen konnte. Und nein, sie klang noch nicht einmal besonders gut.
Aber genau dieser Start beschreibt ziemlich gut mein Vorgehen bis heute. Viele kleine Schritte, ohne vorher zu wissen, welche neuen Schritte noch auf mich zukommen würden.
Neue Herausforderungen und Probleme tauchten immer wieder auf. Entscheidend war für mich, mich davon nicht vollständig aus dem Tritt bringen zu lassen.
Geduld zu haben. Zuversicht zu behalten. Und weiterzumachen.
Natürlich folgten irgendwann die nächsten Fragen: Wer bringt mir das Spielen eigentlich richtig bei? Wie übe ich sinnvoll? Wie oft sollte ich üben? Brauche ich einen Lehrer oder kann ich mir vieles selbst beibringen?
Diese Geschichte könnte ich noch eine ganze Weile weitererzählen. Für diesen Artikel reicht jedoch eine Erkenntnis:
Ich musste nie den gesamten Weg kennen. Es hat immer gereicht, den nächsten kleinen Schritt zu gehen.
Kleine Schritte im Alltag
Bei meinem Weg mit der Geige ging es irgendwann nicht mehr nur ums Anfangen, sondern auch ums Dranbleiben und darum, nach und nach besser zu werden. Dieser Gedanke findet sich in ähnlicher Form zum Beispiel im japanischen Kaizen wieder.
Einfach ausgedrückt beschreibt Kaizen die Idee der kontinuierlichen Verbesserung. Sinngemäß also: Veränderung zum Besseren.
Auf unseren Alltag übertragen kann daraus eine einfache Frage entstehen: Was ist eine kleine Veränderung, die ich tatsächlich umsetzen und wiederholen kann?
Wenn du zum Beispiel wieder regelmäßig Sport machen möchtest, könnte die radikale Variante lauten: „Ab morgen trainiere ich viermal pro Woche jeweils eine Stunde.“
Das kann funktionieren. Muss es aber nicht.
Ein kleinerer Schritt könnte sein, zunächst jeden Morgen die Sportsachen anzuziehen und für zehn Minuten rauszugehen. Wenn das funktioniert und sich festigt, kann daraus mehr entstehen.
Der entscheidende Gedanke ist dabei nicht, dass kleine Schritte grundsätzlich besser wären als große. Große Veränderungen können sinnvoll und manchmal auch notwendig sein. Es geht vielmehr darum, die Schwelle zum Handeln niedrig zu halten und Verbesserung als einen fortlaufenden Prozess zu verstehen.
Nicht: „Ich schreibe meine Arbeit weiter.“ Sondern vielleicht: „Ich öffne heute das Dokument und überarbeite den ersten Absatz.“
Manchmal braucht es noch keine perfekte Lösung, um aus dem Stillstand zu kommen. Oft reicht zunächst eine ausreichend kleine Handlung, die tatsächlich stattfindet.
Ein ähnlicher Gedanke findet sich auch in James Clears Buch „Die 1%-Methode“. Clear beschreibt darin unter anderem, wie sich viele kleine Verbesserungen über die Zeit summieren.
Diesen Gedanken erläutert er auch in seinem Artikel über kontinuierliche Verbesserung.
Gerade die Vorstellung, jeden Tag ein kleines Stück besser zu werden, ist bei mir hängen geblieben. Nicht, weil wir jeden Tag messbar exakt ein Prozent besser sein müssten. Sondern weil dieses Bild sehr gut zeigt, welche Wirkung kleine Veränderungen entwickeln können, wenn wir sie über längere Zeit immer wieder umsetzen.
Wenn dich dieser Gedanke anspricht und du dich intensiver mit kleinen Veränderungen und dem Aufbau von Gewohnheiten beschäftigen möchtest, kann ich dir „Die 1%-Methode“ empfehlen.
Kaizen und der in „Die 1%-Methode“ beschriebene Ansatz sind nicht dasselbe. Sie stammen aus unterschiedlichen Zusammenhängen und setzen unterschiedliche Schwerpunkte. Und dennoch zeigen sie für mich eine erstaunliche Gemeinsamkeit: Veränderung entsteht häufig nicht durch die eine große Entscheidung, sondern durch viele kleine Entscheidungen, die immer wieder in dieselbe Richtung zeigen.
Kleine Schritte bringen uns voran, wenn wir sie nicht nur einmal gehen, sondern immer wieder.
Dabei muss nicht jeder Schritt perfekt sein
Es wird schlechte Tage geben. Eine schlechte Übungseinheit. Einen Rückschritt. Eine Aufgabe, die länger dauert als gedacht. Einen Tag, an dem wir vielleicht gar nichts tun. Ein solcher Tag macht die Schritte davor nicht wertlos.
Entscheidend ist nicht, dass jeder einzelne Schritt gelingt. Entscheidend ist, dass danach wieder einer folgt.
Schritt für Schritt. Mit der Möglichkeit, beim nächsten Mal etwas zu verändern, daraus zu lernen und es vielleicht ein kleines bisschen besser zu machen.
So ist es auch bei meiner Geige. Nicht jede Übungseinheit fühlt sich gut an. Nicht jeder Ton sitzt. Manchmal habe ich das Gefühl, auf der Stelle zu treten.
Und trotzdem nehme ich die Geige wieder in die Hand. Der nächste kleine Schritt. Und irgendwann noch einer.
Was ist dein nächster kleiner Schritt?
Vielleicht hast du beim Lesen längst an etwas gedacht, das du selbst beginnen, verändern oder endlich zu Ende bringen möchtest.
Dann musst du heute noch nicht wissen, wie der gesamte Weg aussehen wird. Du musst auch noch nicht jedes mögliche Hindernis lösen.
Vielleicht reicht für den Moment eine einzige Frage: Was ist der nächste kleine Schritt, den du tun wirst?
Manchmal ist dieser Schritt offensichtlich. Manchmal ist er schwer zu erkennen, oder wir wissen nicht, wo wir überhaupt anfangen sollen.
Dann kann es hilfreich sein, gemeinsam Ordnung in die Gedanken zu bringen und herauszufinden, womit du anfangen möchtest.
Denn manchmal braucht es nicht den perfekten Plan. Sondern einfach den nächsten Schritt.


